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„Gutes Leben“ statt Work-Life-Balance!

Wann Arbeit unzufrieden macht

Susanne Polewsky |


Sennerin vor Almhütte

„Acht Stunden sind kein Tag“, so hieß das Malocher-Epos von Fassbinder in den 70er Jahren: Das „wahre“ Leben findet außerhalb der Arbeit statt. Inzwischen versuchen Firmen wie Google, das (Privat-)Leben in der Arbeit aufgehen zu lassen: Keiner muss mehr nach Hause, denn alles Lebenswichtige gibt es im Büro – vom Spielzimmer bis zum Weinprobierraum!

 

Für Nicht-Nerds gibt es das Work-Life-Balance-Konzept. Es soll die Anforderungen von Arbeits- und Privatleben vereinbar machen, durch flexible Arbeitszeiten, Arbeitsorte und manches mehr. Aber geht es nicht viel mehr um die Qualität der Arbeit selbst?

 

 

Macht Arbeit krank?

 

Zunehmend stoße ich auf Aussteigergeschichten: Der Manager findet sein neues Glück als Winzer, die TV-Journalistin als Almwirtin, der Berater eröffnet einen Wurststand. Es häuft sich die Unzufriedenheit mit der Erwerbsarbeit (Gallup-Studie 2013). Deutsche Arbeitnehmer melden sich immer häufiger krank, insbesondere mit psychischen Diagnosen wie Burn-out (DAK-Gesundheitsreport 2012).


 

Gute Gründe für Unzufriedenheit?

 

Was ist da bloß los? Geht es uns nicht blendend im Vergleich zu früher? Die Arbeitsbedingungen haben sich hier in den letzten Jahrzehnten enorm verbessert: Verkürzung der Arbeitszeit, mehr Arbeitschutz, usw. Und viele gesundheitsschädliche Tätigkeiten wurden inzwischen von Maschinen übernommen. Aber es gibt offenbar neue Phänomene, die krankmachen.

 

 

„K1“:  Verlust von Kontinuität

 

Die unfreiwilligen Brüche in der Biografie nehmen zu. Die Zeiten, in denen man ein Leben lang in einem Unternehmen einen sicheren Arbeitsplatz hatte (Prototyp „Siemensianer“), sind vorbei. Fusionen, Outsourcing, Firmenverlagerungen und Umstrukturierungen führen zu häufigem Wechsel von Aufgaben, Arbeitsplätzen und -orten bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Während die Anstellungsdauer sinkt, steigen die Anforderungen an Leistung, Flexibilität und Mobilität.

Das hat seinen Preis: Lebensentwürfe gehen über Bord, soziale Bindungen weichen auf, tradierte Werte werden brüchig. Dies alles bereits 1988 treffend analysiert von Richard Sennett (“Der flexible Mensch“).

 

 

„K2“:  Verlust von Kohärenz

 

Dazu kommen die steigende Fragmentierung von Aufgaben und die Verkürzung von Veränderungszyklen, vor allem in großen Organisationen. Die Ziele von heute sind morgen bereits „Schnee von gestern“. Die Ergebnisse und Auswirkungen des eigenen Handelns sind nicht mehr zu erkennen. So kommt uns die Bedeutung unseres Tuns abhanden. Es wächst das Erleben, fremdbestimmt zu sein.

 

 

Mit der „Work-Life-Balance“ ist es nicht getan!

 

Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen „aussteigen“! Vielen dieser neuen Ich-AGs ist wohl eines gemeinsam: der Wunsch, das Heft des Handelns wieder in die eigenen Hände zu nehmen, wieder Herr/in des eigenen Lebens zu werden und damit die persönliche „Balance“ in der Arbeit zu finden!

 

 

Mail an die Autorin: polewsky@wup.info