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Was Unternehmen von unserem Biobauern lernen könnten

Freiwillige Erntehelfer auf dem Kartoffelacker

Hermann Will |


 

Dass Kunden freiwillig, engagiert und unentgeltlich mitarbeiten, wünschen sich viele Unternehmen. Aber oft haben sie schon bei Mitarbeitern Motivationsprobleme. Da lohnt es sich genauer zu analysieren, warum bei unserem Biobauern plötzlich viele freiwillige Helfer beim Kartoffelklauben auf dem Acker sind.  

 

Vordergründig braucht er dafür nur ein Rundmail mit der Bitte um Ernte-Unterstützung. Schon letztes Jahr war ich neugierig, ob Freiwillige kommen. Zu meiner Überraschung waren es über den Tag verteilt mehrere Dutzend ‒ Erwachsene und Kinder. Hier Gründe, woran das gelegen haben könnte.

 

 

Förderliche Rahmenbedingungen

 

Seit 20 Jahren glaubhaft „Bio“: ]Ein Dutzend Kühe, Ziegen, einige Schweine. Milchprodukte samt eigenem Hofkäse, Getreide, Brot, Gemüse, Kartoffel und zwischendurch Wurst und Fleisch. Neuerdings auch Kuchen und Espresso im neuen Hofladen. Drei Halbtage die Woche kann man dort einkaufen, Kaffee trinken, Kuchen essen und Kindern Tiere zeigen.

 

„Familienatmosphäre“: Ein 2,5-Generationen-Betrieb mit ausgesprochen persönlichem Kontakt zu allen Einkaufenden. Alle arbeiten hart. Nachbarbäuerinnen helfen mit. Hoffeste, Felderbegehungen, Hausmusik und zwischendurch ein Mitmach-Kinderzirkus in der Scheune. Ein Teil der Kunden kennt sich bereits untereinander.

 

Durchschaubare Produktionsprozesse: Fast alles kommt vom eigenen Hof oder von Nachbarbauern. Demeter-Landwirtschaft, Gemüseanbau, Käse- und Joghurt-Produktion sind anspruchsvoll, für Laien nachvollziehbar. Es entstehen erkennbar nützliche Produkte.

 

Kein „Marketing-Gefühl“: Natürlich wird produziert und verkauft und Investitionen müssen sich rechnen. Aber für Besucher steht das im Hintergrund. Einkaufen ist stattdessen ein soziales Erlebnis. Man trifft Leute und versteht sich nicht primär als Kunde. „Kundenbindung“ und „Gewinnorientierung“ finden zwar statt, aber im Hof plant, denkt und nennt das niemand so.

 

 

Motive für freiwillige Mitarbeit 

 

Handfestes und Nützliches tun: Kartoffelernte „erdet“, gibt Bodenhaftung und an der Nützlichkeit zweifelt kaum jemand. Diese handfese Beteiligung ist für viele willkommener Kontrast zu den eher abstrakten Berufen der Helfer.

 

Einfache Aufgaben und sichtbarer Erfolg: Mit Kübel und Gabel den gerodeten Furchen im eigenen Tempo folgen, nicht erfasste Kartoffel aufklauben und volle Kübel zum Anhänger tragen – das braucht Ausdauer, bringt aber sofort sichtbaren Erfolg. Und wer müde wird, kann sich jederzeit ausklinken.

 

Nostalgisches Erlebnis: Die „Arbeit“ auf dem Acker ist für die Helfer nichts Alltägliches. Kartoffelernte und Kartoffel wecken Erinnerungen und Assoziationen bis hin zum „Kartoffelkönig“.

 

Sozialkontakt: Mit gut einem Dutzend Mithelfern auf dem Acker arbeiten schafft Gemeinschaftsgefühl. Zudem hatten viele Kinder oder Freunde dabei.

 

Nachbarschaftshilfe: Der freiwillige Ernteeinsatz für wenige Stunden fällt für die meisten Helfer unter die Rubrik Solidarität und ist damit sozial positiv besetzt.

 

Anerkennung: Wegen der anschließenden Brotzeit mit Pellkartoffeln, Kräutertopfen und Kürbissuppe wird kaum jemand gekommen sein. Aber die Geste der Bauern ist wichtig und der Sozialkontakt dabei auch.

 

 

Auf andere Bereiche übertragbar?
 

Ja und nein. Mit einem Hilfe-Rundmail ist es ja nicht getan. Eine Reihe flankierender Bedingungen muss gegeben sein. Die sind anderswo nicht so einfach herzustellen. Aber vielleicht ist es trotzdem ein Anstoß, neu über persönlichere Arten von „Geschäftsbeziehungen“ und „Kundenbindung“  nachzudenken.

Mehr über diesen Biohof: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/farchach-der-laden-zum-dorf-1.3235535

 

Mail an den Autor:  will@wup.info